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Ausschnitte aus der Rede von Mario Kramer am 6.10.2013

Als ich vor mehr als 30 Jahren, zu meiner damaligen Studienzeit, mein erstes Buch zum Leben und Werk von Joseph Beuys erstand, begegnete mir darin ein Foto von Joseph Beuys, das Abisag Tüllmann anlässlich seines wohl denkwürdigsten Auftrittes hier in Frankfurt im Theater am Turm 1969 aufgenommen hatte. Es gehört seitdem für mich zu den eindrücklichsten Porträts dieses wohl am häufigsten fotografierten deutschen Künstlers des 20. Jahrhunderts. Viele Jahre später - ich hatte hier gerade meinen Job als Sammlungsleiter am MMK angetreten - begegnete mir dann Abisag Tüllmann persönlich hier in Frankfurt, und eine freundschaftliche Beziehung verband uns in ihren letzten Lebensjahren.
Für das Museum für Moderne Kunst hier in Frankfurt schuf Abisag Tüllmann 1994 die Iphigenie-Aktion von Joseph Beuys noch einmal in Gestalt eines Zyklus von Fotografien, und es gelang ihr dabei, den Rhythmus und den Klang einer solchen, eigentlich unwiederbringlichen Kunstform der Sechziger Jahre in ihrer Dunkelkammer lebendig werden zu lassen. Peter Handke, der an jenem Abend anlässlich des Beuys-Auftrittes im Rahmen der "Experimenta 3" im TAT anwesend war, schrieb in seiner Kritik in der ZEIT vom 13. Juni 1969 folgendes: "Je länger aber das Ereignis sich entfernt, ( ... ) desto stärker werden das Pferd und der Mann, der auf der Bühne herumgeht, und die Stimmen aus den Lautsprechern zu einem Bild, das man ein Wunschbild nennen könnte. In der Erinnerung scheint es einem eingebrannt in das eigene Leben, ein Bild, das in einem Nostalgie bewirkt und auch den Willen, an solchen Bildern selbst zu arbeiten: denn erst als Nachbild fängt es auch in einem selber zu arbeiten an. Und eine aufgeregte Ruhe überkommt einen, wenn man daran denkt: Es aktiviert einen, es ist so schmerzlich schön, dass es utopisch, und das heißt: politisch wird." Rückblickend meint man, Peter Handke würde von Abisag Tüllmanns Fotografien sprechen.
 
Die Fotografien von Abisag Tüllmann sind solche Wunschbilder. Sie gehören zu unserem kollektiven Schatz an Erinnerung.
Die Präsenz der Fotografin, die hohe Aufmerksamkeit, das Gespür für den richtigen, unwiederholbaren Augenblick und zugleich die nötige Distanz des analytischen Blicks beschreiben die Qualität der Fotografien von Abisag Tüllmann. Das "Szenische", aber auch das "unbestechliche Auge" der Fotografin, so Jean-Christophe Ammann in seinem Katalogvorwort zu unserer Museumspublikation 1995, prägen sowohl das immense theaterfotografische Werk aus dreißig Jahren als auch die gleichzeitig entstandene und im Umfang gleichwertige Reportagefotografie. Jean-Christophe und ich hatten damals tagelang gemeinsam mit Abisag das Archiv durchforstet, und wir haben schließlich in mehreren Kapiteln insgesamt 200 Fotografien für das MMK erworben. Diese Werke kann man nur als Sternstunden der Reportagefotografie unserer Sammlung bezeichnen, neben den Werken von Barbara Klemm, Paul Almasy, Sebastiao Salgado und Anja Niedringhaus...
 
Abisag Tüllmann verstand sich als Bildjournalistin und bezeichnete sich auch als Berichterstatterin. Sie liebte dieses Wort wohl sehr, wie es der Journalist Richard Kirn im Vorwort ihres ersten Bildbandes mit dem Titel "Großstadt" 1963 beschrieben hat: "Sie wollte berichten vom Menschen unserer Tage und von der Welt, in der er leben muss". Das damals im Societäts-Verlag bereits in Deutsch, Englisch und Französisch erschienene, längst vergriffene Buch ist nicht nur als Bildband eine Inkunabel, es ist Abisag Tüllmanns Hommage an eine der widersprüchlichsten Großstädte des Nachkriegsdeutschlands, Frankfurt am Main, die zu ihrer Heimatstadt wurde.
Vor allem in ihren Reportagen, die sie oft auf eigene Initiative unternahm und die sie unter anderem nach Algerien, Simbabwe, Südafrika, Südkorea, Polen, Sambia, in den Libanon und vor allem immer wieder nach Israel geführt haben, wird deutlich, dass Abisag Tüllmann niemals parteilos fotografierte. Aus diesen Reportagefotos spricht sowohl ein enorm großes soziales Engagement als auch eine kritische Wachheit des Menschen Abisag Tüllmann.
 
Wann immer man die künstlerischen Aspekte, die kompositorischen oder formalen Lösungen ins Gespräch brachte, insistierte sie darauf, sie sei vor allem eine politische Fotografin. Die ästhetischen Prinzipien verstanden sich für sie von selbst. So manches Mal erschien sie mir wie eine sehr einsame Kämpferin auf ihrem unbeirrbaren Weg zu dem Ziel, mit ihrem fotografischen Werk so etwas wie Wahrhaftigkeit zu schaffen.
Es sind aber auch Bilder, die von einem großen Partizipationsvermögen zeugen und die eine Zartheit, Wärme und Zuneigung zu den alltäglichen Situationen der Menschen - eine zutiefst humane Haltung der Fotografin - offenbaren. Ein besonderes Beispiel hierfür sind sicherlich die Fotografien der Menschen ohne Obdach, die in einem wunderbaren Programmheft der Berliner Schaubühne zu Maxim Gorkis "Nachtasyl" 1992 publiziert wurden. Es ist darüber hinaus ein Bildband, der davon zeugt, mit welcher Behutsamkeit und Geduld solche Bilder entstanden sind. Die Menschen ohne Obdach sind nicht namenlos für Abisag Tüllmann gewesen, sie sprach von Jürgen oder von Leo, wenn sie von ihnen erzählte. Diese Fotografien zählten sicher zu ihren liebsten.
Ihre andere große Leidenschaft galt dem Theater. Über drei Jahrzehnte wurde Abisag Tüllmann zur Weggefährtin und Chronistin der namhaftesten Regisseurinnen und Regisseure, Schauspielerinnen und Schauspieler nicht nur des deutschsprachigen Theaters. Sie begleitete über Jahrzehnte kontinuierlich Ruth Berghaus, Claus Peymann, Peter Stein, Einar Schleef und Andrea Breth, um nur einige wenige Namen zu nennen. Abisag Tüllmanns literarische Bildung, aber auch die von ihr mit großer Akribie verfolgte Probenarbeit bis hin zur Premiere, ließen unvergleichliche Theaterfotos entstehen.
 
Es bleibt zu erwähnen, dass sich ihr theaterfotografisches Werk heute im Theatermuseum in München und ihr reportagefotografisches Werk im Bildarchiv der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin befindet.
Im Jahr 2011 wurde das Werk von Abisag Tüllmann mit einer großen Einzelausstellung im Frankfurter Historischen Museum gewürdigt, organisiert von Martha Caspers und begleitet von einer exzellenten Buchpublikation.
Der unverwechselbare Blick Abisag Tüllmanns Künstlerpersönlichkeit, festgehalten durch das Auge der Fotokamera, wird in ihren Bildern für immer anwesend sein.
 
Mario Kramer, 6. Oktober 2013