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Funktion der Fotografie
im Bereich der visuellen Kommunikation (ca. 1980)
 
Man hat mich gebeten, etwas über die Funktion der Fotografie im Bereich der visuellen Kommunikation vorzutragen. Bei der gegebenen Kürze der Zeit kann das nur alles andere als umfassend sein. Ich kann lediglich ein paar Aspekte herausgreifen und andeuten, die mir im Moment interessant erscheinen.
 
Da wäre als erstes zu fragen: was ist visuelle Kommunikation?
 
Wörtlich genommen: über das Auge miteinander in Verbindung treten. Also nicht: durch hören und sprechen Nachrichten empfangen oder weiter-geben, Gefühle, Erfahrungen vermitteln – sondern durch die Erfahrung (etwa Wind und Kälte spüren), Gehör und Auge vermittelt einem Menschen sinnliche oder intellektuelle Erfahrungen, sondern das Auge allein nimmt einen bestimmten Eindruck auf, empfängt Nachrichten jedweder beliebigen Art, die eine Einzelperson oder eine Gruppe von Leuten einer anderen Einzelperson oder ganz bestimmten Leuten, einer Zielgruppe also, oder beliebigen Leuten vermitteln will.
 
Und wo und wann kommunizieren Menschen visuell miteinander? Zuallererst, indem sie sich Blicke zuwerfen, heimliche zum Beispiel, oder böse, indem sie sich zublinzeln, sich beim reden ansehen, eine Stimmung, ein Gefühl durch einen Blick anstelle der Worte ausdrücken.
 
Allerdings, wenn wir heutzutage von „visueller Kommunikation“ sprechen, so als terminus technicus, der eine sehr viel weniger direkte Kommunikation meint: eine, wo in der Regel mehr oder minder anonyme Absender mit Hilfe von Schrift und gemalten oder fotografierten Bildern an mehr oder weniger anonyme Adressaten Nachrichten übermitteln.
 
An den Plakatwänden in unseren Städten versuchen Schokolade-fabrikanten, Reiseunternehmen und politische Parteien gleichermaßen, Nachrichten an Passanten zu übermitteln, d.h. Aufmerksamkeit und positives Interesse auf sich zu ziehen. Ob es sich um Postwurfsendungen, Flugblätter, Magazine, Prospekte, Kataloge, Bücher, um Kinoaushänge, Leuchtreklame, Schaufenster oder Ausstellungen in Galerien und Museen, um Zeitungen und Zeitschriften handelt – bei letzteren sowohl im redaktionellen wie im Werbeteil – in jedem Fall will eine Frau, ein Herr X, eine Interessengruppe X via Schrift und Bild eine Nachricht an Herrn, Frau oder Gruppe Y transportieren.
 
Und welche Funktion hat die Fotografie dabei?
 
Unsere vorangegangenen Überlegungen müssen uns zu dem Schluß führen, daß eine Fotografie, eben weil sie andere sinnliche Wahrnehmungs-möglichkeiten ausschließt, einen hohen Abstraktionsgrad hat. Daraus folgt geradezu zwingend, daß eine Fotografie – oder eine Serie von Fotografien – um so konzentrierter, um so eindeutiger sein muß, um ihren Zweck, eine Nachricht zu übermitteln, zu erfüllen. Ein gutes Foto muß die Essenz einer Situation, eines Sachverhalts zeigen.
 
Was nun die Nachrichten anbelangt, so können sie, müssen aber nicht immer wahr sein. Sie können verschweigen, verschönen, vertuschen, verschlimmern, das heißt, einen bestimmten Aspekt betonen und andere Aspekte auslassen. Immer sind sie durch den subjektiven Blickwinkel des Fotografen bestimmt – wie sehr auch dieser persönliche Blickwinkel wieder durch den Zeitgeist, aktuelle ästhetische Konzeptionen oder die Forderungen der Auftraggeber beeinflußt sein mag.
 
Doch zurück zu den Nachrichten. Fotos vermitteln beileibe nicht nur Fakteninformationen, sie werden auch oft genug gezielt eingesetzt, um bestimmte Emotionen zu wecken, etwa die Erinnerung an Naturerlebnisse, auch und gerade wenn Esso oder BP verkauft werden soll, die Sehnsucht nach Freiheit, Reisen, Ungebundenheit, wenn bestimmte Zigarettensorten angepriesen werden, die Lust am Essen (wobei Langnese-Eis in Gesellschaft dieser exotischen erotischen Dame „Rumba“ natürlich köstlicher schmeckt als einfach so im Supermarkt gekauft).
 
Witzigerweise haben Fotografien hier immer den Zweck, den Beweis für die Wahrhaftigkeit anzutreten. Denn: was man mit eigenen Augen gesehen hat, das ist wahr. Auch was eine andere Person gesehen hat, ist wahr, wenn sie es mit einem Foto beweisen kann. Daß auf einer Demonstration mehrere tausend Leute und nicht nur 150 anwesend waren, dafür ist das Foto in der Tageszeitung ein Beweis. Daß die Maschine der Firma X zweckvoll gebaut, formschön und leicht handhabbar ist, dafür ist das Foto im Prospekt ein Beweis. Und auf die gleiche Art liefert das Foto im Anzeigenteil der Zeitung oder an der Plakatwand den Beweis, daß die Zigarettensorte U einen besonderen Genuß, ein besonders gutes Gefühl verschafft. Auch wenn man aus Erfahrung weiß, daß man sich öfter in Spannungsmomenten als in Momenten des Glücks eine Zigarette anzündet, so tritt die Werbung unter Aussparung der anderen Seite den „Wahrheitsbeweis“ via Foto nur für die eine, die „glückliche“ Seite an.
 
Und für diese Momente des Glücks gibt es Topoi, die mit abgewandeltem Text und Markenzeichen geradezu universell verwendbar sind: glückliches Paar, glückliche Familie, Glück zu dritt bei Sport und Spiel; sogar gewisse Haltungen sind standardisiert. Aber auch bei „Sachaufnahmen“ sind gewisse Reizwerte, also Nachrichten ans Unterbewußte, derart standardisiert, daß ich in einem einzigen „Spiegel“, einem zufällig herum liegenden Belegexemplar aus den letzten Wochen, vier Anzeigen fand, die alle gleichermaßen mit den Ingredienzien „grün“, „Eis“, „perlendes Wasser“ werben, und zwar für ein Mineralwasser, eine Limonade, Martini und eine Biersorte.
 
Fotos haben in diesem Zusammenhang natürlich auch die Funktion, Aufmerksamkeit zu erregen. Eines der möglichen Mittel ist die Methode, Dinge aus ihrer gewöhnlichen Umgebung herauszunehmen und in eine „traumhaft schöne“ oder exotische oder besonders aufregende Umgebung zu versetzen. Das hat Bert Stern mit dem Volkswagen, den er eben nicht an einer Straßenampel in der Innenstadt fotografierte, ebenso gemacht wie Guy Bourdin mit Jourdan-Schuhen in Los Angeles. – Die zahlreichen Nachrichten ans Unterbewußte, die solche Fotos ausstrahlen, wären allerdings eines gesonderten Exkurses wert.
 
Wenn es sich allerdings um die Übermittlung von Nachrichten „aus einer anderen Welt“, um „unerhörte Begebenheiten“ handelt, wie Zeitungen, Zeitschriften und auch Bücher es tun, dann können Fotos in der Tat den Wahrheitsbeweis antreten. Über Kinderarbeit in Bergwerken unter Tage, über Hungersnöte im Sahel, über Konzentrationslager im Dritten Reich, über die Ausbildung der Green Barrets (der Marines auf Parris Island) haben wir keine Erfahrungskenntnisse, keine Vergleichsmöglichkeiten – nichts außer dem Beweis, den die Fotos liefern. Und auch in unserer eigenen Gesellschaft gibt es Hunderte von Beispielen, wo wir auf Nachrichten durch Fotos angewiesen sind. Wer von uns wüßte, wie Bandarbeit in einer Automobilfabrik aussieht (nur aussieht), hätten wir nicht Fotos davon gesehen? Wie viele Kinder kennen die Arbeitsplätze ihrer Väter oder Mütter, wie viele Eltern kennen den Kindergarten oder die Schule ihrer Kinder? Wir lernen ganze Kulturen durch Fotos kennen (Italien, Antike etc.).
 
Alles in allem heißt das: Fotos haben im Bereich der visuellen Kommunikation eine sehr delikate Aufgabe. Sie sollen in jedem Fall (der Verwendung) einen Beweis antreten. Da sie aber immer nur ein Segment des Ganzen sein können, sind sie auch universell manipulierbar. Vor allem in Verbindung mit Text, ohne den Fotos in der Regel nicht publiziert werden. Vor einigen Jahren ging ein Foto um die Welt, das zeigte, wie in den Vereinigten Staaten in einem Prozeß gegen Black Panther Mitglieder die Angeklagten mit schweren Eisenketten aneinander gefesselt in den Gerichtssaal gebracht wurden. Alle Zeitungen, auch die konservativen, wie die FAZ zum Beispiel, publizierten das Foto mit spürbarem Erschrecken und kritischen Kommentaren. Der Rheinische Merkur allerdings druckte das Foto als „Bild der Woche“ mit der Unterschrift, daran sähe man, was für gefährliche, bösartige Menschen diese schwarzen Aufrührer seien.